Assoziationen von Nicole Büsing und Heiko Klaas,
freie Kunstjournalisten, Hamburg im August 2005

Der Apparat, der Kontaktabzug, das Selbstporträt, das Polaroid, das perfekte Bild: Der 1991 gestorbene Schriftsteller und Fotograf Hervé Guibert, Jahrgang 1955, macht sich in dem Bändchen "Phantom-Bild" literarisch-analytische Gedanken über die Fotografie. So schreibt er im Kapitel "Dias": "Wir besitzen, um Gesichter in Erinnerung zu rufen, verschiedene geistige, mehr oder weniger direkt abrufbare, mehr oder weniger unscharfe, mehr oder weniger der Vergangenheit angehörende Diapositive. Wir haben gleich hinter den Augen, dort, wo ein anderer Bildschirm zu sein scheint, Diamagazine im Kopf, Magazine für Bilder, die uns mehr oder minder vertraut und die mehr oder weniger funktionstüchtig sind, und dann weiter entferntere, weiter weg abgelegte Magazine, von wo aus wir ab und zu ein älteres und etwas vergessenes Dia hervorholen...."(1)

Vom Metaphorischen zum Realen. Auch der Hamburger Fotograf Falk von Traubenberg, Jahrgang 1971, besitzt ein über viele Jahre angewachsenes Archiv aus Diapositiven: Fotografien von Reisen, von Landschaften, von Architektur, von der Familie. Bildinformationen auf Diafilm, einem Speichermedium, das den nächsten Generationen, die mit der digitalen Fotografie aufwachsen, antiquiert und nostalgisch vor-kommen wird. Ein abgeschlossenes Kapitel, ein Ballast von kleinen Abbildern in handlichen Plastik-rahmen, die ihr Dasein in verstaubten Magazinen, alten Archivschränken und auf Flohmarktständen fristen müssen?



Falk von Traubenberg hat das "Apparategedächtnis" entwickelt. Schlichte, handelsübliche Einliter-Weckgläser sind gefüllt mit jeweils 88 Diapositiven aus seinem eigenen durchnummerierten Archiv. Die Weckgläser sind fein säuberlich neben- und übereinander platziert und von Neonröhren beleuchtet. Der Betrachter sieht die konservierten Bilder und filtert individuell seine Informationen heraus. Eine Art Erinnerungsarbeit beginnt: Es wird das kollektive Bildergedächtnis aktiviert, die Diaschau läuft im Kopf ab. Es ist eine Suche nach dem verlorenen Foto, ein Assoziationsangebot, das das Medium Fotografie an sich reflektiert. Gleichzeitig geht es um das Bewahren, das Archivieren, um das arbeitsintensive und zeitverschlingende Sortieren, Nummerieren und letztlich auch um die Beliebigkeit einer Ordnung und - wie im "Apparategedächtnis" demonstriert - einer gewollten Unordnung, Beliebigkeit und Zufälligkeit.



Die Philosophin, Essayistin und Fototheoretikerin Susan Sontag (1933 bis 2004) schreibt in ihrem Band "Über Fotografie": "Indem etwas fotografiert wird, wird es Teil eines Systems von Informatonen, wird es eingefügt in Klassifikations- und Speicherungsschemata, die von der schlicht-chronologischen Ordnung von Schnappschussfolgen, die in Familienalben eingeklebt werden, bis zu der systematischen Sammlung und sorgfältigen Einordnung reichen, deren es bei Fotos bedarf, die für die Wettervorhersage, die Astronomie, die Mikrobiologie oder die Geologie, die Polizeiarbeit, die medizinische Ausbildung und Diagnose, die militärische Aufklärung und die Kunstgeschichte benötigt werden." (2)

Mit der Herstellung eines Fotos stellt sich auch die Frage nach seiner Archivierung. Falk von Trauben-berg hat sein fein säuberlich sortiertes Dia-Archiv kurzerhand zur Einmachware erklärt. Ein Kapitel ist abgeschlossen und vorerst versiegelt. Es kann jedoch jederzeit wieder reaktiviert werden. Die Substanz geht nicht verloren. Doch der Blick geht nach vorn.

Falk von Traubenberg bewegt sich im Grenzbereich der Fotografie. In seiner Rolle als Architekturfotograf geht er einer sehr langsamen Fotografie nach, die sich dem gewählten Motiv mit großem Aufwand und einer vom Auftraggeber verlangten Präzision nähert. Auf keinen Fall sieht er sich jedoch als Dokumentarfotograf: "Ich bin ganz klar kein Dokumentarist, denn das Dokumentieren bezweifle ich schon als solches", sagt er. Die Fotografie, in der es um das Medium als solches geht, ist die Traditionslinie, auf der auch Traubenbergs Arbeiten anzusiedeln sind. Eine experimentelle Fotografie und das Entwickeln neuer Fototechniken wie die Solarisation, das Rayogramm oder die Mehrfachbelichtung kamen vor allem in den 1920er und 1930er Jahren auf. Vorreiter waren László Moholy-Nagy, für den die Kamera ein Instrument des erweiterten Sehvermögens war, oder Man Ray, der als der erste Künstler galt, dessen fotografisches Oeuvre höher eingeschätzt wurde als sein malerisches. Aber auch die russischen Avantgardisten wie El Lissitzky und seine Entwicklung der Fotomontage oder Alexander Rodtschenko als Wegbereiter des Neuen Sehens, der die altbewährte Bauchnabelperspektive bekämpfte und den fotografischen Blick aus schrägen Perspektiven und auf überraschende Details erfand, machten den Weg frei für eine neue fotografische Sicht auf die Dinge.

Was kann ein Fotograf heute noch neu erfinden? Die analoge Technik wird immer mehr durch die digitale Fotografie verdrängt. Die digitale Aufnahme und digitale Bildbearbeitung ermöglichen ein "Spiel ohne Grenzen" mit dem Medium Fotografie. Falk von Traubenberg lässt sich auf dieses Spiel, das Medium auszureizen, ein. Er reduziert Bildinformationen und schafft durch das Verfremden ursprünglichen Bild-materials neue, abstrakte Bilder. Er löst Ursprungsbilder in Streifenbilder auf und gibt ihnen damit eine neue grafische Qualität. In seinen "fotomationen" - das sind 5 bis 10-minütige, aus Einzelbildern sehr langsam oder sehr schnell montierte Bild-Tonsequenzen - verlässt er das in sich ruhende Einzelbild und schlägt eine Brücke Richtung Video und Film. Bewegung, Animation, Schnelligkeit und Musik beginnen in seinen Arbeiten eine immer größere Rolle zu spielen. Für den Philosophen Vilém Flusser ist das Bild "eine Reduktion der >>konkreten<<, vierdimensionalen Verhältnisse auf zwei Dimensionen."(3) Falk von Traubenberg verlässt in seinen "fotomationen" die Zweidimensionalität und integriert in logischer Konsequenz die Zeitebene und die Bewegung in seine Arbeit.

Fotografie, Technik und Subjektivität gehen in dem fotografischen Werk Falk von Traubenbergs eine Allianz ein. Der Fotografiejournalist und Autor Ulf Erdmann Ziegler schreibt in seinem Essay "Magische Allianzen I": "Was frühe Fotografen so seltsam macht, ist die Schere von Technik und Intimität, die das fotografische Verfahren sofort produziert hat. Um die Spanne zu verringern, haben Fotografen >>zunächst<< analog zu den bildenden Künstlern ihre Bildwelt literarisiert... Erst die Fotografen, für die Technik selbstverständlich war - die das Verfahren verinnerlicht hatten -, setzten das subjektive Potential des fotografischen Verfahrens frei."(4) Subjektivität spielt auch bei Falk von Traubenberg eine immer größere Rolle. Das 5371-fache Selbstporträt steht im Zentrum seiner fotomation "kopfkunst - mindstorm1". Ein 7,5-minütiger Bildersturm von hart aneinandermontierten Fotografien des eigenen Kopfes, mal in Folie eingewickelt, mal digital verfremdet, mal blutverschmiert. Das mentale, das denkende, das hochsensibilisierte Ich als zentraler Motor und charakteristisches Abbild der Person des aktiven Bilderproduzenten. Das Selbstporträt des Kopfes taucht vielfach in der Fotografiegeschichte auf. Eine weibliche Vertreterin der wiederholten fotografischen Annäherung an das eigene Gesicht ist die Düsseldorferin Katharina Sieverding. Für die männliche, selbsterforschende Ich-Betrachtung in Verbindung mit Performance hingegen steht der Berliner Dieter Appelt.

Falk von Traubenberg ist in seiner fotografischen Arbeit auf der Suche nach dem Neuen innerhalb des Mediums Fotografie. Aufgrund einer technischen Weiterentwicklung, dem Erfinden neuer Fototechniken und der Verfügbarkeit von neuem, von der Fotoindustrie angebotenen Material bietet die Fotografie ständig neue Möglichkeiten und Anknüpfungspunkte. Dennoch bleiben über 150 Jahre Fotografiegeschichte und ein sich aus Fotografien und Filmen speisendes Bildergedächtnis in der kollektiven und individuellen Erinnerung haften. "Alles, was wir gesehen haben, bleibt auch bei uns abgespeichert", sagt Falk von Traubenberg. Die Suche nach den Bildern geht weiter. Die Kamera steckt im Kopf.


© nicole büsing und heiko klaas

Anmerkungen:
1. Hervé Guibert: "Phantombild", Reclam Leipzig 1993, S. 137
2. Susan Sontag: "Über Fotografie³, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 1997, S. 149
3. Vilém Flusser: "Kommunikologie", Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1998, S. 111
4. Ulf Erdmann Ziegler: "Magische Allianzen", Fotografie und Kunst, Lindinger + Schmidt, Regensburg 1996, S. 263


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